Das schwedische Belastungs-Belastbarkeits-Modell
In der Physiotherapie oder im Training höre ich oft die Formulierung: „Ich möchte meine Figur/Gesundheit/Muskulatur halten.“ Mit dem Absolvieren meiner Ausbildung zum Physiotherapeuten wurde mir klar, dass diese Vorstellung unrealistisch ist. Dabei spielte folgendes Modell eine entscheidende Rolle: Ein zentrales Erklärungsmodell für Gesundheit, Leistungsfähigkeit und Verletzungsrisiko – das sogenannte Belastungs-Belastbarkeits-Modell, das seinen Ursprung in der skandinavischen Arbeitswissenschaft hat und heute sowohl in der Sportwissenschaft als auch in der Physiotherapie heute eine wichtige Rolle spielt.
Vereinfacht beschreibt es die Beziehung zwischen der äußeren Belastung (zum Beispiel Training, Arbeit, Stress, Schlafmangel, psychische Anforderungen) und der individuellen Belastbarkeit des Menschen (körperliche Konstitution, Trainingszustand, Regenerationsfähigkeit, Schlafqualität, psychische Stabilität). Gesundheit entsteht nicht durch Schonung, sondern durch ein dynamisches Gleichgewicht zwischen Reiz und Anpassung: Liegt die Belastung unterhalb der aktuellen Belastbarkeit, kommt es zu Unterforderung und Abbau. Hinzu kommt der langfristige altersbedingte Abbau am dem 25. Lebensjahr. Liegt die Belastung moderat darüber, entstehen Anpassungsprozesse – Gewebe wird belastbarer, Strukturen werden stärker – der Organismus adaptiert. Übersteigt die Belastung jedoch dauerhaft die Belastbarkeit, resultieren Überlastung, Verletzungen, chronische Beschwerden oder Erschöpfung – der Organismus baut ab.
Das Modell macht klar: Es gibt keinen stabilen Gleichschritt – biologisch gesehen existieren nur zwei Zustände: Aufbau oder Abbau.
Anpassungsorganismus
Viele Menschen denken:
„Ich habe früher 75 Kilo gehoben, ich muss da nur wieder hinkommen.“
„Ich hatte mal keine Rückenschmerzen, also muss ich da nur wieder hin.“
Aber so funktioniert Biologie eben nicht.
-> Jede Belastung zieht dich ein Stück nach unten.
-> Jede Regeneration baut dich wieder hoch.
Wenn du oft genug regenerierst → wirst du stärker.
Wenn du zu wenig regenerierst → wirst du schwächer.
Wenn du gar keine Belastung hast → baust du ab (Dekonditionierung).
Der Körper ist ein Anpassungsorganismus.
Er reagiert – immer -> die Zeit läuft für uns oder gegen uns.
Warum so viele Menschen Rückenschmerzen, Hüftprobleme, Erschöpfung und Stresssymptome entwickeln
Hier wird es interessant: Weil sie nur auf die Belastung schauen – und nicht auf die Belastbarkeit.
Sie fragen:
„Wie kann ich Belastungen reduzieren, sodass ich mich nicht mehr überfordere?“
Sie sollten fragen:
„Wie kann ich Stück für Stück belastbarer werden, sodass ich mich nicht mehr überfordere?“
Das ist der Denkfehler.
Beispiele:
- Schlafmangel senkt Belastbarkeit → einfache Belastungen reichen für Schmerzen.
- Stress senkt Belastbarkeit → das Nervensystem schießt Alarm.
- Bewegungsmangel senkt Belastbarkeit → Gelenke, Bandscheiben, Faszien verlieren Stoffwechsel.
- Dauer-Training ohne Pausen zerstört Belastbarkeit → Verletzungen, Erschöpfung sind die Folge.
- Übergewicht + Stress + schlechte Ernährung → chronisch niedrige Belastbarkeit, hohe Entzündungsneigung.
Kranke Menschen sind nicht „kaputt“ – sie sind überlastet.
Gesunde Menschen sind nicht „besser“ – sie haben eine höhere Belastbarkeit.
Was heißt das für Training, Muskeln und Gelenke?
Wenn du trainierst, passiert Folgendes:
- Belastung steigt → du wirst kurzfristig schwächer.
- Regeneration beginnt → neue Strukturen bilden sich.
- Du wirst stärker, wenn die Erholung stimmt.
Das gilt für:
- Bandscheiben
- Muskeln
- Sehnen
- Faszien
- Psyche
- Immunsystem
- Nervensystem
- den gesamten Organismus
Training ist also nichts anderes als kontrollierter Stress mit geplanter Erholung.
Aber: Ohne Erholung brennst du aus.
Entscheidend ist die Relation zwischen adäquater Belastung mit entsprechender Progression und Regeneration.
Warum es im Leben kein „Gleichgewicht“ gibt – sondern nur Anpassung
Wir suchen immer das Gleichgewicht, weil es sich ideal anhört:
Work-Life-Balance, Yin und Yang, Ruhetage, gesunde Mitte.
Aber das biologische Gleichgewicht existiert nicht. Es hört nie ganz auf zu pendeln.
Es gibt nur:
– Zu wenig Belastung → Abbau
– Zu viel Belastung → Überlastung
– Richtig dosierte Belastung + gute Erholung → Wachstum
Dieses Verständnis ist der Schlüssel für:
- Schmerzfreiheit
- Erfolg
- mentale Gesundheit
- einen gesunden Rücken
- starkes Bindegewebe
- stabile Gelenke
- ein starkes Immunsystem
Wie du das MBB-Modell im Alltag nutzt
Hier ist die einfachste praktische Regel:
1. Wenn du gestresst bist → Belastung reduzieren.
Nicht trainieren, als wärst du ausgeschlafen.
Nicht arbeiten, als müsstest du dich beweisen.
Nicht essen, als wärst du in der Balance.
2. Wenn du gut geschlafen hast → Belastbarkeit hoch → Aufbau nutzen.
Training steigern, länger gehen, schwerer heben, Neues lernen -> Progession
3. Wenn Schmerzen kommen → Belastung zu groß für Belastbarkeit.
Nicht „kaputt“.
Nur überlastet.
-> Regeneration
4. Wenn du stärker werden willst → zyklisch belasten + regenerieren.
Genau wie beim Muskelaufbau.
Genau wie beim Lernen.
Genau wie beim Immunsystem.
Planen.
Fazit: Wer das MBB-Modell lebt, lebt gesünder und erfolgreicher
Dieses Modell ist der beste Kompass für ein gesundes Leben, weil es zeigt:
- warum Beschwerden entstehen,
- warum Gesundheit kein Zufall ist,
- warum Regeneration so wichtig ist,
- und warum jeder Mensch seinen Körper steuern kann.
Nicht Gleichschritt – sondern Wechsel.
Nicht Balance – sondern Anpassung.
Nicht „alles auf einmal“ – sondern Belastung vs. Belastbarkeit.
Wenn du das verstehst, lernst du, deinen Körper zu lesen und zu steuern –
und das ist echte Gesundheit. Viel Erfolg!




