In meinen Recherchen bin ich auf einen Begriff gestoßen, der viele Aspekte des Kraft und Ruhe Konzepts wunderbar auf den Punkt bringt. Daher gehört er unbedingt auf diese Website. In den letzten Jahren ist das Ikigai auch in Deutschland immer bekannter geworden. Häufig wird er als das japanische Geheimnis für Glück, Zufriedenheit und ein langes Leben bezeichnet. Viele Japaner, die nach dieser Philosophie leben, werden tatsächlich unglaublich alt. Was steckt dahinter? Was können wir davon für unseren Alltag lernen? Dieser Artikel kann das Ikigai keineswegs vollständig darstellen, er kann jedoch skizzieren in welche Richtung es dabei geht.
Was bedeutet Ikigai?
Das Wort Ikigai setzt sich aus den japanischen Begriffen iki (Leben) und gai (Wert, Sinn oder Nutzen) zusammen. Frei übersetzt bedeutet Ikigai also: „Das, wofür es sich lohnt zu leben.“
Dabei geht es nicht zwangsläufig um den großen Lebenszweck oder die perfekte Berufung. Auch die deutsche Bezeichnung „Lebenssinn“ greift zu kurz. Ikigai liegt u.a. auch in den kleinen Dingen:
- Zeit mit der Familie
- Ein Hobby, das Freude bereitet
- Die Arbeit im Alltag
- Sport und Bewegung
- Die Unterstützung anderer Menschen
Ein Beispiel: Geschirrspülmaschine ausräumen wird in unserer Welt zumeist als lästig empfunden. Die Menschen tun es, weil es notwendig ist und sie tun es so, dass sie möglichst schnell damit fertig sind. Menschen die nach dem Ikigai leben, tun es mit einer gewissen Leidenschaft – in Frieden ohne die innere Ablehnung dieser Tätigkeit. Das ist gar nicht so abgedreht wie es klingt. Es geht schlichtweg darum, selbst in den banalsten Tätigkeiten keinen inneren Stress zu empfinden. Viel mehr ist das erstmal gar nicht. Das wird denen von klein auf vorgelebt. Kein Wunder, dass sie so alt werden.
Es geht also zunächst schon mal darum, Freude an den kleinen Dingen zu verspüren. Klingt erstmal sinnvoll. Hat man auch schon öfter gehört. Das ist aber noch nicht alles. Ikigai beschreibt den persönlichen Grund, morgens aufzustehen und ein langfristig erfülltes Leben zu führen.
Die vier Bereiche des Ikigai
Im Westen wird Ikigai häufig durch vier Fragen dargestellt:
- Was liebe ich?
- Worin bin ich gut?
- Was braucht die Welt?
- Wofür kann ich bezahlt werden?
Dort, wo sich diese Bereiche überschneiden, soll das persönliche Ikigai liegen.
Auch wenn die Darstellung vereinfacht ist, hilft sie dabei, sich mit den eigenen Werten, Stärken und Zielen auseinanderzusetzen. Es geht also nicht um das klassische 0815-Gesabbel, was wir im Zusammenhang mit „Selbstverwirklichung“ auf Social Media gepredigt bekommen (Sitze am besten im Homeoffice auf Mallorca und mache Geld wie Dreck egal womit), sondern darum ein sinnvolles Mitglied der Gesellschaft zu sein, die richtige Arbeit zu finden, sodass es erst möglich wird Sinn und Freude an ihr zu finden, die Arbeit gut zu machen und dafür dann auch gut bezahlt zu werden.
Ikigai und Gesundheit
Ein erfülltes Leben besteht nicht nur aus einer gesunden Ernährung oder ausreichend Bewegung. Ebenso wichtig sind Sinnhaftigkeit, soziale Kontakte und persönliche Zufriedenheit.
Menschen, die einen klaren Sinn in ihrem Alltag erleben, berichten häufig über:
- mehr Lebensfreude
- höhere Motivation
- bessere Stressbewältigung
- mehr Ausgeglichenheit
Natürlich ersetzt Ikigai keine medizinische Behandlung. Es ist jedoch ein wertvoller Bestandteil eines ganzheitlichen Gesundheitsverständnisses und kann somit wichtiger Bestandteil der individuellen Salutogenese sein.
Konkret: Wie finde ich mein eigenes Ikigai?
Die Suche nach dem persönlichen Ikigai beginnt oft mit einfachen Fragen:
- Welche Tätigkeiten lassen mich die Zeit vergessen?
- Was gibt mir Energie statt Kraft zu rauben?
- Welche Fähigkeiten schätzen andere an mir?
- Wie schaffe ich es die kleinen Dinge zu schätzen?
- Was würde ich auch tun, wenn ich dafür kein Geld bekäme?
- Welche Werte sind mir wirklich wichtig?
- Womit kann ich langfristig Geld verdienen?
Die Antworten müssen nicht sofort klar sein. Häufig entwickelt sich das eigene Ikigai über Jahre hinweg und verändert sich mit den verschiedenen Lebensphasen. Die Kurve verläuft eher linear, als exponenziell.
Ikigai und unsere westliche Lebensweise
Ein weiterer Aspekt des Ikigai welcher mich fasziniert ist, dass das Konzept in Japan tief in der Kultur verankert ist. Der Begriff gehört dort zum allgemeinen Sprachgebrauch. Die Menschen wissen, was damit gemeint ist. Nicht jeder beschäftigt sich bewusst mit seinem Ikigai, aber die Vorstellung, einen persönlichen Lebenssinn oder einen Grund für das tägliche Handeln zu haben, ist gesellschaftlich präsent. Das ist ein großer Unterschied.
In Deutschland existiert kein direkt vergleichbares Konzept. Zwar sprechen wir über Karriere, Erfolg, Freizeit oder Selbstverwirklichung, aber es ist nicht konkret in der Kultur verankert.
Unsere Gesellschaft ist stark leistungsorientiert. Erfolg wird oft an Einkommen, Status oder Besitz gemessen. Gleichzeitig verbringen viele Menschen einen großen Teil ihres Lebens damit, Verpflichtungen nachzukommen, ohne Leidenschaft oder Sinn dabei zu empfinden.
Die Folge ist ein bemerkenswerter Widerspruch: Obwohl wir materiell oft mehr Möglichkeiten haben als frühere Generationen, leiden viele Menschen unter Orientierungslosigkeit, chronischem Stress und dem Gefühl einer inneren Leere.
Wenn Ablenkung den Sinn ersetzt
Wo ein klarer Sinn fehlt, entsteht häufig das Bedürfnis nach Ablenkung.
Diese Ablenkung kann viele Formen annehmen:
- ständiger Medienkonsum
- soziale Netzwerke
- exzessiver Konsum
- Alkohol und andere Suchtmittel
- permanente Beschäftigung
- die Jagd nach dem nächsten Urlaub oder Erlebnis
Dabei geht es nicht darum, Freizeit oder Genuss zu kritisieren. Diese Dinge sind wichtig und ein wesentlicher Bestandteil eines gesunden Lebens.
Problematisch wird es dann, wenn Ablenkung dauerhaft die Auseinandersetzung mit den eigenen Bedürfnissen, Werten und Zielen ersetzt. Wer ständig abgelenkt ist, muss sich nicht mit den schwierigen Fragen des Lebens auseinandersetzen. Kurzfristig kann das entlastend wirken, langfristig entsteht jedoch häufig das Gefühl, dass etwas Wesentliches fehlt. Das muss dann langfristig auf die eine oder andere Weise kompensiert werden – und diese Kompensationen schaden dann meist direkt oder indirekt den Mitmenschen oder – im schlimmsten Fall – den Kindern.
Gesellschaftliche Auswirkungen
Eine Gesellschaft besteht aus einzelnen Menschen. Wenn viele Menschen keine klare Orientierung erleben, wirkt sich das zwangsläufig auch auf das gesellschaftliche Miteinander aus.
Menschen, die ihren Platz im Leben kennen und einen persönlichen Sinn empfinden, übernehmen häufig mehr Verantwortung für sich selbst, ihre Familie und ihr Umfeld. Sie sind angenehmer im Umgang, spenden Liebe, Motivation und Positivität. Sie handeln eher aus innerer Überzeugung als aus äußerem Druck.
Fehlt diese innere Orientierung, entstehen häufiger Resignation, Gleichgültigkeit oder die Erwartung, dass andere die eigenen Probleme lösen sollen. Dadurch können gesellschaftliche Spannungen zunehmen.
Natürlich ist Japan keineswegs frei von Problemen. Leistungsdruck, Überarbeitung und soziale Erwartungen sind dort ebenfalls bekannte Herausforderungen. Ohne Zweifel: Auch in Japan, wird längst nicht jeder perfekt danach leben können. Dennoch fällt auf, dass Fragen nach Verantwortung, Gemeinschaft und persönlichem Beitrag traditionell einen höheren Stellenwert besitzen als in vielen westlichen Ländern.
Was wir von Ikigai lernen können
Vielleicht liegt die größte Stärke des Ikigai-Gedankens nicht darin, einen einzigen großen Lebenszweck zu finden.
Viel wichtiger ist die regelmäßige Frage:
„Was gibt meinem Leben Bedeutung?“
Diese Bedeutung muss weder spektakulär noch gesellschaftlich anerkannt sein.
Für den einen ist es die Familie. Für den anderen nur die Arbeit, Für wieder andere die Natur, ein Handwerk, ein Ehrenamt oder der Sport, oder eine Mischung aus den Dingen die den jeweiligen Menschen bewegen.
In einer Zeit, in der uns unzählige Möglichkeiten und Ablenkungen umgeben, könnte genau diese Frage wichtiger sein denn je. Denn wer weiß, warum er morgens aufsteht, wird mit höherer Wahrscheinlichkeit einen positiven Beitrag für die Gesellschaft leisten und dabei im Zweifelsfall zufriedener sein als jemand, der lediglich von Termin zu Termin lebt.
Die Folgen einer entleerten Gesellschaft
Die Folge ist eine Gesellschaft, in der viele Menschen zwar beschäftigt sind, sich innerlich jedoch völlig orientierungslos fühlen.
Das zeigt sich an vielen Stellen:
- zunehmende psychische Überlastungen
- steigende Einsamkeit trotz digitaler Vernetzung
- sinkendes soziales (Verantwortungs-)Bewusstsein
- Orientierungslosigkeit bei jungen Menschen
- das Gefühl, trotz Wohlstand nicht wirklich erfüllt zu sein
Eine Gesellschaft wird von den Menschen geprägt, aus denen sie besteht. Wenn viele Menschen keinen inneren Kompass besitzen, wirkt sich das zwangsläufig auf das gesamtgesellschaftliche Klima aus. Verantwortung wird häufiger nach außen abgegeben, persönliche Interessen stehen über gemeinschaftlichen Zielen und langfristige Werte verlieren an Bedeutung.
Was Japan anders macht
Japan ist wohl keineswegs ein perfektes Land. Auch dort gibt es Leistungsdruck, gesellschaftliche Erwartungen und zahlreiche Probleme.
Dennoch scheint die Vorstellung weiter verbreitet zu sein, dass jeder Mensch einen Platz, eine Aufgabe und einen persönlichen Beitrag innerhalb der Gemeinschaft hat. Nicht das permanente Streben nach dem nächsten Kick steht im Mittelpunkt, sondern die Frage, welchen Sinn das eigene Handeln erfüllt.
Viele Menschen im Westen suchen vor allem nach Glück. Glück ist ein kurzweiliges Gefühl, welches wieder verfliegt. Das Ikigai-Konzept stellt eine andere Frage:
Nicht „Was macht mich kurzfristig glücklich?“, sondern „Wofür lohnt es sich zu leben?“
Dieser Unterschied hat weitreichende Folgen. Wer nur Glück sucht, wird oft von einem Erlebnis zum nächsten getrieben. Wer einen Sinn gefunden hat, kann auch schwierige Phasen durchstehen, weil sein Handeln auf einem Fundament steht.
Vielleicht liegt genau darin eine der größten Herausforderungen unserer Zeit: Nicht der Mangel an Möglichkeiten, sondern der Mangel an Orientierung. Noch nie hatten Menschen so viele Freiheiten, Konsummöglichkeiten und Unterhaltungsangebote wie heute. Gleichzeitig fällt es vielen schwerer denn je, die Frage zu beantworten, warum sie eigentlich tun, was sie tun.
Genau dieses Problem wird durch Ikigai kompensiert. Es erinnert uns daran, dass ein erfülltes Leben nicht durch immer mehr Ablenkung entsteht, sondern durch die bewusste Suche nach dem, was unserem Leben Freude und Bedeutung verleiht. Und dass es nicht schlimm, dass es nicht immer sofort gefunden wird, sondern dass es ein langer Prozess ist. Der Weg ist das Ziel.
Fazit
Wer meine Arbeit kennt, der weiß, dass eine der wichtigsten Säulen dieser ist, den Leuten die Illusion zu nehmen, es gäbe irgendwelche Wundermittel auf dieser Welt. Auch Ikigai ist kein Wundermittel oder eine Zauberformel für ein perfektes Leben. Der Gedanke dahinter kann jedoch helfen, den Blick wieder auf die Dinge zu richten, die wirklich wichtig sind.
Wer sich die Zeit nimmt, über seine Werte, Ziele und Bedürfnisse nachzudenken und gleichzeitig die kleinen Dinge des Lebens mit Leidenschaft durchführt, schafft eine wichtige Grundlage für mehr Sinnhaftigkeit, Zufriedenheit und innere Balance und somit: für die Zukunft. Kraft und Ruhe.
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